14. Februar 2021 - Badische Zeitung

Die Reichenbacher Schergässler-Zunft bietet die Fasent auf vier Kilometern

Mit und ohne Wanderstab sind derzeit bei herrlichem Winterwetter Wanderer auf dem vier Kilometer langen Fasent-Pfad in Reichenbach unterwegs. Das ist noch bis nächsten Sonntag möglich.

An der Kapelle mit Blick auf den Ort g...Furtwängler (links) einen Fototermin.   | Foto: Wolfgang Beck

An der Kapelle mit Blick auf den Ort gab es für das Baronspaar Wolfgang Gustav I. und Elke II. samt den Zunftbossen Thomas Fischer (rechts) und Armin Furtwängler (links) einen Fototermin. Foto: Wolfgang Beck

 

"Mit dem Richebacher Fasent-Pfad wollen wir den Ausfall der geselligen Veranstaltungen in den närrischen Tagen kompensieren", sagte Oberzunftmeister Thomas Fischer der Narrenzunft Schergässler bei der Machtübernahme durch das Baronspaar am Rathaus. Dann ging es im kleinen Gefolge auf den vier Kilometer langen Rundkurs, auf dem mit 18 Stationen die ganze Vielfalt der Reichenbacher Narretei auf Schautafeln, in Schaufenstern und an Aktionsständen gezeigt wird. Auf die Wanderstrecke in zwei Schleifen ging reichlich Narrenvolk durch den Ort, der sich mit blauem Himmel, viel Schnee und frostiger Kälte präsentierte. Lachen, Schmunzeln und Staunen waren angesagt, denn es gab viel Wissenswertes über die Narrenzunft, die Reichenbacher Fasent, über Brauchtum und Geschichte entlang des Wegs zu erfahren. Für Kinder hatten die Schergässler ein Fragespiel eingeplant, wie es auch entlang des Wegs etliche Stationen gab, um selbst in Aktion zu treten: Per Knopfdruck konnte an einem Wetterhiisli dafür gesorgt werden, dass es an Fasnacht für andere Zünfte öfter regnete als bei den Schergässlern.

Auf die Frage "Wo wird d’scheenst Fasent gmocht?" gab es an einem Bilderrad in der Adlerstraße nur eine Antwort: bei den Schergässlern! Den Schalk im Nacken hatten auch die Organisatoren in den Fronmatten, wo es mit Narren-Motiven darum ging, einen Fasent-Umzug selbst zusammenzustellen. Bei allen gut gemeinten Zirkeleien reichte es für die Kühe aus dem Nachbarort Kuhbach nur, sich am Umzugsende aufzustellen. "Ä Späßle g‘macht", quittierten die Schergässler ihre Ideen für den Fasent-Pfad. Von den Witzen, die aus der Feder des Komikers Helmut Dold stammen über Memory-Spielchen bis zu Kappeobende in Corona-Zeiten reicht der Spaß auf dem Rundweg. Der eine oder die andere ließ es sich nicht nehmen, sich selbst als Baron oder Baronin fotografieren zu lassen. Start und Ende des närrischen Rundgangs war am Nörgler in der Schergaß, wo sich das Zunftlokal als Kunstobjekt mit Zeichnungen von BZ-Karikaturist Andreas Krellmann präsentierte.

12. Februar 2021 - Badische Zeitung

„In der Aufzeichnung stecken rund 250 Stunden Arbeit“

BZ-Interview mit Rolf Beinert, der mit seinem Werbefilmteam den Schergässler-Zunftabend zum Großteil honorarfrei aufnahm

Rolf Beinert / FOTO: Privat

Die Reichenbacher Fasent im digitalen Format – der Werbefilmer Rolf Beinert steckt hinter der aufwändigen technischen Realisierung des Videos, das am vergangenen Sonntag zum ersten und einzigen Mal ausgestrahlt wurde. BZ-Redakteurin Ulrike Derndinger sprach darüber mit dem Reichenbacher, der die Akteurinnen und Akteure und den Oberzunftmeister Thomas Fischer aufnahm.
 
BZ: Bei welcher Pointe mussten Sie besonders lachen und aufpassen, dass die Kamera nicht wackelt?
Beinert: (schmunzelt) Ich habe bei wirklich vielen Sachen lachen müssen. Sie müssen sich das aber so vorstellen, dass wir alle Mitwirkenden, außer das Barons-paar, einzeln aufgenommen haben. Auch die Gruppenmitglieder, wie zum Beispiel die vom „Buurequartett“. Wir haben ein komplettes Studio im Vereinslokal auf- und darin die Halle nachgebaut. Dann sind alle einzeln vor einer grünen Wand aufgetreten. Das haben wir dann zusammengeschnitten.
 
BZ: Wie viele Arbeitsstunden stecken im Film?
Beinert: In der Aufzeichnung stecken rund 250 Stunden. Es war ein wahnsinniger Aufwand. Wir haben mit drei Kameras drei Perspektiven aufgenommen. Gedreht haben wir drei Samstage lang und mal unter der Woche und dann kam noch die Übertragung mit Moderation.
 
BZ: Warum haben Sie alles vor einem grünen Hintergrund gefilmt?
Beinert: Früher war das ein blauer Hintergrund. Das ist ein Verfahren, das ermöglicht, die Personen nachträglich vor einen anderen Hintergrund zu platzieren. Die Akteure „die Neuen“ haben wir zum Beispiel mit ihrem Pappauto im Kasperletheater oder auf der Ortsdurchfahrt gezeigt. Das „Buurequartett“ ist in einer alten Küche zu sehen.
 
BZ: Warum der große Aufwand?
Beinert: Die Schergässler haben wahnsinnig wert darauf gelegt, coronakonform aufzutreten. Trotz der vielen Arbeit war es ein Herzensprojekt. Ursprünglich hatten wir 40 Arbeitsstunden angesetzt. Den Rest der Kosten steuern wir nun ehrenamtlich bei. Wir haben das gern gemacht, denn die Zunft hat unsere Arbeit wertgeschätzt. Es war eine tolle und faire Zusammenarbeit. Ich bin immer noch begeistert und wir als Firma waren dankbar, dass wir uns zeigen können, denn wir haben momentan leider wenig zu tun.
 
BZ: Sind 846 Haushalte, die sich den Livestream angeschaut haben, ein guter Wert für Sie?
Beinert: Der Wert ist dann gut, wenn der Kunde zufrieden ist. Normalerweise kommen zum Zunftabend 500 Leute in die Halle. Wenn man auf den geposteten Fotos gesehen hat, dass in den Wohnzimmern die ganze Familie versammelt war, kann man davon ausgehen, dass 2500 bis 3000 Leute geschaut haben. Das war eine ganz tolle Sache, die sich gelohnt hat.
 
BZ: Bedauern Sie, dass man das Video nur einmal anschauen konnte?
Beinert: Ja, weil es wirklich toll war. Ich würde es begrüßen, wenn vielleicht ein paar Teile daraus veröffentlicht würden.
 
BZ: Wenn Sie wählen könnten: Lieber Fasent in der Halle oder lieber digital?
Beinert: Lieber in der Halle! Ich bin halt ein echter Richebacher Fasentnarr.

8. Februar 2021 - Badische Zeitung

Wolfgang Gustav I. regiert in der Fasent

Der Zunftabend (Gerd Furtwängler von der Gruppe "Die Neuen") wurde per Livestream übertragen.

 

Die Schergässler haben ihren traditionellen Zunftabend nicht ausfallen lassen, sondern ins Internet verlegt. Dafür war das Zunftlokal "Nörgler" in ein Studio verwandelt worden. Auch Alt-OB Wolfgang G. Müller hatte seinen großen Auftritt. Souverän, als wäre er im Fernsehen daheim, moderierte Oberzunftmeister Thomas Fischer den Abend. Mit sichtlicher Freude kündigte er ein Programm an, das den gewohnten Zunftabenden in der Geroldseckerhalle wenig nachstand. Die Musikkapelle hatte etwa in mühevoller Puzzle-Arbeit den Reichenbacher Fastnachtsmarsch, den die Musiker zuhause einzeln eingespielt hatten, zu einer Collage zusammengefügt – dieses "Musikvideo" wurde zur Eröffnung eingespielt.

Identität des neuen Baronspaares

Eines der Geheimnisse, die beim Zunftabend traditionell gelüftet werden, ist die Identität des neuen Baronspaares. Viele Zuschauer daheim dürften nicht schlecht gestaunt haben, als sie erfuhren, dass der Alt-OB und seine Gattin als Baronspaar Wolfgang Gustav I. und Elke Oberg II. in diesen besonderen Corona-Zeiten die Reichenbacher Fasent regieren. Dem langjährigen Rathauschef und seiner Frau standen die Baronsmäntel gut zu Gesicht – sie dankten mit einer launigen Rede für die Ehre ("Ihr spürt die Aura, die Noblesse/Gestatten: Baron und Baronesse"), wobei Müller auch Persönliches preisgab ("Jahrzehnte den Rennwagen Lahr gelenkt/Dann von hundert auf fast null gesenkt/Diese Vollbremsung fand mein Herz bescheuert/Drum haben die Ärzte es runderneuert"). Müller lebte ­in seiner Inthronisationsrede monarchische Träume aus ("Ibert und Scherer werd’ ich nicht feuern/Solang’ sie ihre Unterwerfung beteuern"), während die neue Baronin aus dem heimischen Nähkästchen plauderte ("Wie war mein Leben doch wunderbar/Als Wolfgang Gustav noch berufstätig war/Doch nun da läuft es ziemlich dumm/Er schwänzelt dauernd um mich rum").

Seit Jahrzehnten gehört Tanja Mühlhaus zu den Protagonisten der Zunftabende. Seit sie 14 Jahre alt ist, singt sie temperamentvoll und nimmt in den Couplets auf die Schippe, was sich im Dorf und in der Welt ereignet hat. Die musikalischen Arrangements stammten von Reiner A. Kammerer. Wie gewohnt zauberte das Buurequartett mit seinen Mitgliedern Patrick Bohy, Martin Dosch, Harry Gysler, Timo Haag und Daniel Moser die ganz besondere Stimmung, die zur Reichenbacher Fasent dazugehört. Ihre Ohrwürmer und Kalauer erzeugten eine Stimmung zwischen Nonsens und purer Lebensfreude. Seit 25 Jahren mischen "Die Neuen" bei diesen Abenden mit, die zwar nicht mehr ganz so neu sind –­ aber ihre frappierenden und fantasievollen Einfälle sind es allemal. Patrick Decker, Thomas Fischer, Armin und Gerd Furtwängler, Jürgen Glatz und Beate Maier schlüpften in eine ihrer Lieblingsrollen. Bei einem Kasperletheater eigener Art widmeten sie sich mit viel Situationskomik aus dem Alltag auch einigen Reichenbacher Baustellen- und Verkehrsproblemen.

Werbespots Reichenbacher Firmen

Besonders gut gelungen waren die Werbespots Reichenbacher Firmen. Über den Einfallsreichtum und schlagenden Humor von Patrick Bohy und Jürgen Glatz konnte man nur staunen. Vom großen technischen und zeitlichen Aufwands aufgrund der Pandemieeinschränkungen hatten sie sich nicht bremsen lassen. Rolf Hügel als "Lahrer hinkende Bote" sprach unterhaltsam über politische, gesellschaftliche und kommunale Themen, wobei er wohl so manchem Zuschauer am Bildschirm aus der Seele sprach. Als einzige Konserve wurde der Schergässlertanz zu den Klängen des Marsches "Unterm Doppeladler" eingespielt – dieser Tanz gehört zu den geheiligten Traditionen der Schergässler, auf die nicht verzichtet werden kann. In einer Talkrunde wurden OB Markus Ibert, "de Hämme" Helmut Dold, Christiane Kupfer von der Seelbacher Eulenzunft und Karikaturist Andreas Krellmann, der den diesjährigen Fasentorden, den "weinenden Schergässler" erfunden hat, eingespielt. Am Ende des Abends gab Oberzunftmeister Thomas Fischer bekannt, dass ab dem Schmutzigen Donnerstag, 11. Februar, ein "Fasentpfad" mit 18 Stationen durch Reichenbach führen wird. Der vier Kilometer lange Weg ist in zwei Schleifen aufgeteilt, die mühelos begangen werden können, wie zu hören war. Fischer kündigte manche Überraschungen an, auch ein Gewinnspiel werde es geben.

Online Zunftabend

Wie sehr die Reichenbacher an der Fasent hängen, zeigte die Einschaltquote: 846 Haushalte verfolgten den ersten digitalen Zunftabend am heimischen Rechner, eine Belohnung für die Arbeit, die sich die Schergässler und das Team Beinert bei der Übertragung gemacht hatten. Das närrische Publikum war bei der Übertragung sogar teils auch zu sehen, konnten doch mit dem Mobiltelefon geschossene Bilder an eine Hotline gesendet werden. Der "Blick ins Wohnzimmer" mit knapp 200 Aufnahmen zeigte, dass auch ein Zunftabend in digitaler Form viel Freude bereiten kann.

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