18. Februar 2017 - Badische Zeitung

Vor der Fasent laufen die Nähmaschinen heiß

Seit 23 Jahren schneidern sich die Reichenbacher Schorlewieber ihre Kostüme für die Fasent selbst – in diesem Jahr soll es besonders bunt werden.

Zwei arbeiten an der Nähmaschine und der Rest trinkt Schorle und schaut zu. Das ist allerdings nicht Alltag bei den Reichenbacher Schorlewiebern vor der Fasent, sondern nur für die Badische Zeitung gestellt. Foto: Privat

LAHR. Mode beeinflusst das tägliche Leben. Mal offensichtlich, mal eher versteckt, beim einen mehr, beim anderen weniger, aber keiner kann sich ihr komplett entziehen. Die Badische Zeitung stellt in der Serie "Mode in Lahr" verschiedene Facetten und Menschen der Modewelt in und aus Lahr vor. Heute: die Schorlewieber aus Reichenbach schneidern jedes Jahr ihre Fasentkostüme selbst.

Ein Wohnzimmer in Reichenbach an einem Abend wenige Wochen vor dem Fasentsamstag: Von der Decke baumeln Luftballons und Luftschlangen, im Hintergrund läuft leise Musik. Sie geht fast unter im Geratter zweier Nähmaschinen und den lebhaften Gesprächen der Anwesenden. 13 Frauen haben sich um einen großen Holztisch versammelt, stecken Nähte ab, sortieren Anstecknadeln, diskutieren, lachen. Für die Schorlewieber geht es auf die Zielgerade zu, noch eineinhalb Wochen haben sie Zeit, um ihre Kostüme für die diesjährige Fasent fertig zu bekommen. "Wir arbeiten besonders gut unter Druck", sagt Henriette Schüssele augenzwinkernd und justiert ihre Nähmaschine neu. Für jedes Jahr denken sich die Damen ein neues Motto aus, das sie dann kreativ und unkonventionell umsetzten. "Das Motto für dieses Jahr haben wir schon seit ein paar Jahren im Kopf, waren uns aber bisher unsicher, wie wir es umsetzen sollen. Manchmal brauchen Ideen eine Weile, bis sie an der Reihe sind, bei anderen wissen wir sofort, wie wir sie verkörpern wollen. Eins ist aber klar bei uns: Je mehr Schorle, desto besser die Ideen", erklärt Anita Isenmann-Ferrante lachend und schwenkt ihr Glas. Die Umsetzung sei dabei immer ein Gemeinschaftsprojekt. Jeden letzten Donnerstag im Monat treffe frau sich und arbeite an der nächsten "Kollektion". Jede habe dabei Ideen und bringe sich ein mit dem, was sie am Besten könne: "Die, die nicht so gut an der Nähmaschine sind, müssen eben unsere falschen Nähte wieder auftrennen."

Die Schorlewieber sind bekannt für ihren Stil: "sauigelig, rustikal, bloß nicht schön", so beschreiben sie selbst ihn. Dafür legen sie sich mächtig ins Zeug. "In einem Jahr haben wir einen Aufruf im Gemeindeblatt gestartet und haben alte Gardinen gesammelt. In einem anderen Jahr für das Thema Almabtrieb mussten wir Kuhhörner auskochen. Puh, die ganze Wohnung hat gestunken!" Ein Koffer wird aus dem Keller geholt und auf den Tisch gehievt, farbige Stoffe quillen heraus: schwerer Mantelstoff, blauer Samt, buntes Patchwork, Röcke, Strickpullis, Kniebundhosen und Capes. Mit ihnen kommt die Erinnerung: "Die Hosen sind noch vom Motto Knabenchor, meine ist damals beim Waschen eingegangen" und "Oh, und die Strickpullis haben wir für die chinesischen Hochstapler gemacht! Die hatten wir seither schon ein paar Mal im Einsatz".

Aber was war eigentlich das erste Kostüm der Schorlewieber? "Angefangen hat alles vor 23 Jahren, als wir – Bettina Hilberer und ich – am Fasentdienstag als Schorlekrafttrinker unterwegs waren. Ab da waren wir die Schorlewieber", erzählt Ute Braun. Zu acht waren sie und ihr erstes gemeinsames Kostüm im Jahr darauf waren – wie könnte es anders sein – Weinflaschen. Danach kamen Themen wie "Alte Fregatten", "Almabtrieb" oder "Gans in Weiß". Fast immer wird auch ein Lied dazu einstudiert: "Bei "Gans in Weiß" war es natürlich klar, da hatten wir Glück, und der Wittelbacher Musikverein ist hinter uns gelaufen. Die haben dann immer unser Lied für uns mitgespielt." Für den Almabtrieb gab es sogar einen spontanen Schuhplattler. Unterwegs sind die Frauen in ihren Kostümen das ganze Wochenende: am schmutzigen Donnerstag, Fasentsonntag und am Fasentdienstag zur Verbrennug gehören sie zum närrischen Volk.

"Wir sind Fasentschneider", sagen sie dabei über sich selbst, für sie ist die Schneiderei das Mittel zum Zweck, für andere modische Unternehmungen setzten sie sich nur selten an die Nähmaschine. "Nur vor Fasent, da laufen die Maschinen heiß. Zu heiß manchmal. Nicht selten müssen sie hinterher zum Nähmaschinendoktor", bekräftigt Henriette Schüssele. Wie ihr Motto in diesem Jahr lautet, ist natürlich noch hochgeheim. Nur soviel haben sie verraten: "Dieses Jahr wird’s bunt" und "Obacht Lit, hebt Eure Teller fescht".

13. Februar 2017 - Badische Zeitung

Fünf Stunden Frohsinn und Blödelei

56. Zunftabend der Schergässler: Über 500 Besucher erlebten ein hochkarätiges Programm zum 60-jährigen Bestehen der Zunft.

Die Maxis präsentierten – passend zum Jubiläum – Tanzstile der vergangenen 60 Jahre. Foto: Wolfgang Beck

LAHR-REICHENBACH. Der Zunftabend der Schergässler hat am Samstag in der Gerodseckerhalle auch in seiner 56. Auflage nichts an Anziehungskraft eingebüßt: Ganz nach der Devise "Kumm und lach in Richebach" wurde der Brauchtumsabend im Jubiläumsjahr der Schergässler zum fünfstündigen Feuerwerk bester Unterhaltung.

500 Besucher ließen sich in der Geroldseckerhalle vom närrischen Virus am Schutterstrand anstecken. In einer fünfstündigen Non-Stop-Show bewiesen die Akteure einmal mehr ihre Extraklasse im närrischen Gewand: Sie entfachten im Minutentakt ein Feuerwerk an Frohsinn, Komik und Klamauk. Die Darsteller waren allesamt Eigengewächse. Von den Minis und Maxis bis zu den alten Hasen kamen sie durchweg aus der Narrenhochburg Reichenbach. Gelüftet wurde beim bunten Narrenspiel das im Ort bestgehütete Geheimnis, wer als Baronspaar in den närrischen Tagen am Schutterstrand regiert: Axel I. (Axel Himmelsbach) und Monika II. (Monika Tränkle) heißen die Regenten, die das Zepter in der fünften Jahreszeit in Reichenbach schwingen.

Auf der Bühne legten sich vor reichlich Lokalprominenz Oberzunftmeister Thomas Fischer, Zunftmeister Armin Furtwängler und Zunftrat Jens Jägle-Enders mächtig ins Zeug. Sie führten mit Witz und Ironie durchs bunte Unterhaltungsprogramm, das erst in den frühen Morgenstunden endete. Mit einem kecken Auftritt zeigte schon der Narrensamen der Mini-Minis, dass sie sich auch unter Wasser wohlfühlen. Katja Bohy, Nicole Weinrich-Dold, Michaela Lauer und Steffi Kappus erwiesen sich als Ideengeber für den Ritt durch die "Unterwasserwelt", die beim Publikum gut ankam. Scharfzüngige Reden lieferte einmal mehr der Lahrer Hinkende Bote. Rolf Hügel las dabei dem Narrenvolk im Saal gehörig die Leviten. Er beleuchtete die politische Großwetterlage und sparte auch in der Kommunalpolitik nicht mit Kritik.

Eine musikalische Revue mit viel Pepp und flotten Schritten zauberten die Maxi-Minis auf die Bühne. Der Streifzug durch die Jahrhunderte der Musik und des Tanzes war ein echter Hingucker. Tanja Stürmer und Nicole Joos hatten mit zwei Dutzend Mädchen eine Performance einstudiert, die mit Hits und Schlagern gespickt war.

Mit dem "närrischen Jahresrückblick" bewies Tanja Mühlhaus erneut, dass sie das Showgeschäft versteht und mit dem Publikum charmant kokettiert. Die "Grande Dame" der Fasent nahm mit spitzer Zunge und urbadischem Dialekt das Jahresgeschehen rund um den Erdball ins Visier. Die Reichenbacher Frohnatur, die ihr Herz am rechten Fleck hat, hielt den Zeitgenossen in vielen Facetten den Spiegel vors Gesicht. Ihre treffsicheren Texte und Lieder, bei denen sie von Reiner A. Kammerer am Keyboard begleitet wurde, trafen stets ins Schwarze.

"Fasent als Lebensgefühl" demonstrierten nach dem klassischen Schergässler-Tanz (Leitung Katja Schuhmacher) "Die Neuen", die längst zu altbekannten Spaßmachern der Reichenbacher Fasent gehören. Oberzunftmeister Thomas Fischer (Text) und Jürgen Glatz (Musik) setzten sich als Vogelgestalten mit lustigem Gefieder und Ohrwürmern in Szene und wurden dabei von den anderen "komischen Vögeln" Beate Maier, Armin und Gerd Furtwängler sowie Patrick Decker unterstützt. Das Vogelgezwitscher der "Neuen" auf den geschmückten Fasentbändle am Schutterstrand entpuppte sich als gelungenes Revival bekannter Fasnachtslieder, die zum Schunkeln reizten und nur noch im Klatsch von den Tratschwiebern Gisela Heitzmann und Christa Reithler übertroffen wurde.

Paula und Anna wussten den neusten Klatsch im Dorf, der selbst Eingeweihte überraschte, während das Buurequartett mit Timo Haag, Patric Bohy, Mirko Sahl und Daniel Moser den Schlussakkord einläutete. Die vier Barden holten sich mit Harry Gyssler einen "Buur der ersten Stunde" dazu und boten viel Blödelei. Derb, urbadisch, aber gesanglich voll fit, zog das Quartett alle Register und bewies bis zum Finale, dass sie von Kopf bis Fuß echte Richebacher sind. Ohne Zugabe kamen sie – wie auch die anderen närrischen Akteure – nicht von der Bühne.

10. Februar 2017 - Badische Zeitung

Die Schergass als Fasent-Epizentrum

Die Reichenbacher Fasentzunft wurde vor 60 Jahren offiziell gegründet / Anna Himmelsbach hat die Figur kreiert.

Vier „Schergässler“, die die Fasent in Reichenbach über Jahrzehnte mitgeprägt haben, erinnern sich: (von links) Klaus Glatz, Ernst Fehrenbach, Gerd Merz und Martin Meier. Foto: Wolfgang Beck

LAHR-REICHENBACH. Die Fasent wird in Reichenbach bereits seit 1928 gefeiert, zur Narrenhochburg wurde der Ort aber erst durch die Fasentzunft der Schergässler, die 1957 gegründet wurde. BZ-Mitarbeiter Wolfgang Beck hat mit vier Ehrenzunfträten der Schergässler auf sechs Jahrzehnte organisierte Fasent zurückgeblickt.

Der langjährige Zunftschreiber Gerd Merz war mit dabei, als Bürgermeister Ferdinand Müller im Jahr 1950 die Narren um sich scharte, um einen ersten großen Umzug auf die Beine zu stellen. "Schon damals hat es eine ordentliche Fasent gegeben, die um uns herum noch keiner so pflegte wie wir." Im Jahr 1957 wurde die Schergässler-Zunft als eingetragener Verein aus der Taufe gehoben. Die Ideengeberin für die Narrenfigur war Anna Himmelsbach aus der Schergass, die sich als Leiterin einer katholischen Mädchengruppe ans Werk machte, die Fasnacht mitzugestalten. Sie besorgte blaue Arbeitsanzüge, besetzte sie mit Rüschen aus blauem Krepppapier, kaufte Pappmaschee-Masken – und fertig war die Fasentfigur. Der Namen lag nahe, denn alles, was mit der Fasnacht zu tun hatte, spielte sich in der Schergasse ab – quasi als närrisches Epizentrum.

"Wir waren damals noch kein Verein, sondern nur eine Interessengruppe", erklärt der heutige Ehrenoberzunftmeister Klaus Glatz, "die ganze Fasent hat sich in Wirtschaften abgespielt." Das folgte erst zwei Jahre später durch die Aufnahme in den Verband Oberrheinischer Narrenzünfte (VON). "In einer feierlichen Zeremonie wurde die Fasentzunft Reichenbach am 18.01.1959 in Endingen am Kaiserstuhl in den V.O.N. aufgenommen", heißt es dazu in der Chronik. "Erst dann wurden wir richtige Schergässler", ergänzt Glatz und zitiert aus den Aufzeichnungen des damaligen Zunftschreibers Gerd Merz: "Die Reichenbacher haben mächtig geglänzt."

In den 1950er Jahren waren die Reichenbacher Narren eine feste Größe in der Region. "Da kam niemand ran", sagt Merz. Bälle im "Adler", in der "Linde" und in "Geiselhardts Hall" seien ebenso bekannt gewesen wie der Holzhackerball im Gasthaus Poche. "Da sind die Menschen scharenweise hin gepilgert. Konkurrenz gab es nicht." Bürgermeister Ferdinand Müller sei zugleich der erste Oberzunftmeister gewesen und habe als "Vogt Ferdi" das Brauchtum gefördert. 1962 wurde laut Chronik beschlossen, die Masken der Schergässler aus Holz anzufertigen. Bis dahin waren sie noch immer aus Pappmaschee. Umgesetzt wurde dieser Beschluss erst Anfang der 1970er Jahre.

In den 1960er Jahren wurde Otto Glatz (der Vater von Klaus Glatz) Chef der Schergässler, aus dem Vogt wurde fortan ein Oberzunftmeister, aus dem Elferrat der Zunftrat. Geschaffen wurde auch ein Schergassen-Baron (ab 1950), was die VON-Funktionäre später als zu "rheinisch-karnevalistisch" verbieten wollten. "Wir ließen uns das nicht nehmen", sagt Klaus Glatz energisch. Auch heute noch sei das Baronspaar ein "angesehenes Amt", bestätigen die früheren Oberzunftmeister Ernst Fehrenbach (1987 bis 2000) und Martin Meier (2000 bis 2012).

Mit Hans Klumpp übernahm 1970 ein Mann die Führung der Fasentzunft, dem die Narretei schon in die Wiege gelegt wurde. Eine seiner ersten Entscheidungen war die Einführung einer regelmäßigen Zunftratssitzung immer am ersten Mittwoch im Monat. Diese Regelung hat auch heute noch Bestand. 1976 wurden die Schergassen-Jahrmärkte im Stile der 1930er Jahre wieder eingeführt wurden. 1978 kauften die Schergässler die Zigarrenfabrik Burger & Söhne und bauten sie zum Zunftlokal Nörgel aus. 1986 feierte das "Spatzennest" im Ort Premiere. Ins Leben gerufen wurde die närrische Klause von den Reichenbacher Spatzen, so Merz, die als Sängerschar und Untergruppe der Schergässler 1962 unter der Regie von Albert Weiß die großen Zunftabende als Galaveranstaltung ins närrische Programm der fünften Jahreszeit mit aufgenommen haben. "Es war damals eine Sensation", sagt Merz. Auch die Schergässler-Tanzgruppe, die Ernst Fehrenbach ins Leben gerufen hat, darf bis heute beim Zunftabend nicht fehlen. "Jeder hat der Fasent seinen Stempel aufgedrückt", sagen die Ehrenzunfträte der Schergässler abschließend.

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