19. November 2014 - Badische Zeitung

Reichenbachs Fasent lebendig gemacht

Ehrenmatinee der Schergässler für Mitglieder, die seit Jahrzehnten der Narretei dienen.

LAHR-REICHENBACH (wob). Die Fasentzunft Schergässler in Reichenbach hat am Sonntag einen schönen Brauch aufleben lassen und zu einer Ehrenmatinee in das Zunftlokal eingeladen. Im Mittelpunkt standen Ehrungen von Zunftmitgliedern in Bronze, Silber und Gold durch die Vogtei Ortenau des Oberrheinischen Narrenverbandes. Den Geehrten wurde bescheinigt, die Narretei und das Brauchtum als Schergässler über Jahrzehnte zu einem wichtigen Bestandteil ihres Lebens gemacht zu haben. "Ihr habt die Dorffasent geprägt", zeigte sich Oberzunftmeister Thomas Fischer stolz auf die vom Verband Oberrheinischer Narrenzünfte (VON) geehrten Mitglieder, dem die Schergässler seit 55 Jahren angehören.

Zahlreiche Ehrenmützenträger waren der Einladung gefolgt und drückten durch ihre Anwesenheit die Wertschätzung der Zunftmitglieder aus, die in 11, 22 und 33 Jahren durch ehrenamtliche Arbeit dazu beigetragen haben, dass Reichenbach eine Narrenhochburg geworden ist. "Das verdient Respekt", sagte Narrenvogt Gunther Seckinger von der Vogtei Ortenau. Er ist zuständig für die Schergässler und 23 weitere Zünfte zwischen Oberhausen und Oppenau, die für die organisierte Fasnacht am Oberrhein stehen.

Zusammen mit Vize Bernhard Schwarz nahm er die Ehrungen vor, an der auch Ehren-Narrenvogt Ede Lippert teilnahm. Zum Programm der Ehrenmatinee, bei dem ein Festessen für Geehrte und Gäste serviert wurde, gehörte eine historische Modenschau von Zunftornaten. Beim Ausflug präsentierten Gerd Merz, Franz Josef Fischer, Alfred Hertenstein und Patrick Decker die Zunft-Ornate der vergangenen Epochen bis zum Ornat der Gegenwart. Premiere hatte ein blauer Kurzmantel, den Ehrenoberzunftmeister Martin Meier vorstellte, der künftig von "närrischen Ruheständlern" bei Auftritten der Schergässler getragen werden soll.

Oberzunftmeister Thomas Fischer stellte die künftigen einheitlichen Masken der Schergässler vor, die die stolze Zahl von 130 Larven erreicht haben. Fischer dankte Zunftschneiderin Erika Uhl, die neue Maskentaschen gefertigt hatte. Mit einem Antrag an den Verband Oberrheinischer Narrenzünfte (VON) bewarben sich die Schergässler beim Narrenvogt für die Ausrichtung des Herbstkonvents 2017 in Reichenbach. Dann steht auch das 60-jährige Bestehen der Schergässler an, das groß gefeiert werden soll.

Verbandsehrungen: Den Verbandsorden in Gold für 33-jähriges Engagement für die Fasnacht gab es für Timo Haag vom Buurequartett. Mit dem Orden in Silber (22 Jahre) wurden Joachim Fabry und Achim Meier ausgezeichnet.

05. März 2014 - Badische Zeitung:

Wie ist es eigentlich ein Fasentnarr zu sein? (Teil 5)

"Da kommen mir die Tränen"

Abschied vom Bagger und von der Fasent: Günter Singler Foto: W. Beck

LAHR-REICHENBACH. Günter Singler ist ein Fasentnarr durch und durch. Der 49-Jährige ist bei den Schergässlern und bei der Fasentgruppe der Schierebaschtler aktiv. Die Badische Zeitung hat ihn während der Fasent vom Schmutzigen Donnerstag bis zum Fasnachtsdienstag begleitet. BZ-Mitarbeiter Wolfgang Beck hat ihn bei der Fasentverbrennung erlebt.

"Jetzt ist sie vorbei, die glückselige Fasent. Es schmerzt einen Narren, dem am Ende der närrischen Kampagne nichts anderes übrig bleibt, als sich von der Fasent zu verabschieden. Schergässler wie Schierebaschtler pflegen hierbei den gleichen Trauerakt: Sie verbrennen die Fasent mit großem Wehklagen. Die Schierebaschtler verbrennen die Requisiten, die sie zuvor in wochenlanger Gemeinschaftsarbeit in Schillingers Scheune gebastelt haben. Da kommen mir die Tränen, mit ansehen zu müssen, wie die Bagger ein Opfer der Flammen werden. Als Schergässler setzt das große Wehklagen auf dem Lindenplatz ein. Der Musikverein spielt Trauermusik, die Schergässler und die anderen übrig gebliebenen Narren machen sich auf zur Prozesssion vom Lindenplatz zur Kirche und wieder zurück. Dann wird die Schergässler-Figur verbrannt. Zum letzten Mal zeigt sich das Baronspaar seinen närrischen Untertanen. Beim traurigen Zeremoniell ist schwarze Kleidung vorherrschend. Mit Taschentüchern werden die Tränen getrocknet.

24 Stunden zuvor war am Schutterstrand die Narren-Welt aber noch in Ordnung. Die Zunft hatte am Rosenmontag in den "Nörgler" eingeladen. Klar, dass die Schierebaschtler sich unter die Narren gemischt haben. Fasent wie daheim hieß das Motto im Zunftlokal, das mit einer bequemen Couch und einer alten Zinkbadewanne dekoriert war. Auf einem Akkordeon erklang Fasentmusik zum Mitsingen. Es wurde geschunkelt und viel gelacht. Oberzunftmeister Thomas Fischer kam als "Stuben-Tiger" und brach in seiner Büttenrede eine Lanze für die Fasent daheim. Da hielt es den früheren Spatzensänger Gerd Merz nicht mehr auf der Couch. Er konnte die Bitte der Reichenbacher nicht ausschlagen. Alle wollten von ihm noch einmal das Lied "Amanda" hören. Es war herrlich. Ein richtiger Wohlfühl-Abend. Auch die Kostümierung passte zum Motto: Die Reichenbacher kamen im heimischen Feinripp, in Jogginganzügen oder im Schlafanzug mit Bademantel und Hausschlappen. Doch um Mitternacht war Schluss. Auch ein Fasentabend daheim geht in die Knochen.

Am Fasentdienstag rief die Zunft zum Fasentumzug nach Kappel-Grafenhausen. Bis es dann am Abend endgültig vorbei war mit der glückseligen Fasent. Als echter Richebacher Narr, der eine schöne Kampagne erlebt hat, beschließe ich am Aschermittwoch endgültig die fünfte Jahreszeit in der Kirche. Vom Pfarrer gibt’s ganz nach katholischem Brauch Asche aufs Haupt.

 

04. März 2014 - Badische Zeitung:

Wie ist es eigentlich ein Fasentnarr zu sein? (Teil 4)

"Die Stimme ist ramponiert"

Pausenlos im närrischen Einsatz: Die Schierebaschtler mit Günter Singler (zweiter von links) beim Baggern am Wolfgang-See – zu sehen beim Umzug in Reichenbach. Foto: Wolfgang Beck

LAHR-REICHENBACH. Günter Singler ist ein Fasentnarr durch und durch. Der 49-Jährige ist in Reichenbach bei den Schergässlern und bei der Fasentgruppe der Schierebaschtler aktiv. Die Badische Zeitung begleitet ihn während der Fasent vom Schmutzigen Donnerstag bis zum Fasnachtsdienstag. BZ-Mitarbeiter Wolfgang Beck hat Singler am Sonntag beim großen Fasentumzug als Mitglied der Müller-Bau-Truppe erspäht.

"Meine Stimme ist ramponiert. Das ist auch kein Wunder, was wir Schierebaschtler entlang der Umzugsstrecke am Fasnachtssonntag alles zum Wolfgang-See auf die Beine gestellt haben. Mensch, war das ein toller Umzug. Blauer Himmel, die Sonne lachte und darunter unsere Narren in bester Stimmung. Es hat sich bestätigt: Richebach ist und bleibt eine Narrenhochburg. Was das Besondere dabei ist: Wir haben so viele eigene Fasentgruppen, die den Umzug auch wieder mit vielen Themen und Ideen bereichert haben. Ein Kompliment den Reichenbacher Spatzen, die als Piraten auf einem Schiff am Schutterstrand gesichtet wurden. Wir hatten vielleicht ein Glück beim Umzug: Weil unser Oberbürgermeister Wolfgang G. Müller mit seiner Frau Elke zu spät zum närrischen Treiben nach Reichenbach gekommen ist, stieß er gerade auf unsere Gruppe. Er machte kurzerhand den Spaß mit und baggerte kräftig Kies aus dem Baggerloch am Wolfgang-See. Die schweißtreibende Arbeit und auch das laute Grölen auf der Straße hat uns Schierbaschtler verdammt durstig gemacht. An den "Tankstellen" im Ort mit allem möglichen Sprit hat es wahrlich nicht gemangelt. Aus dem Kuhstall, in dem die musikalischen Landwirte statt Milch allerlei Hochprozentiges wie "Schwarzwälder" oder "Heiße Marie" ausschenkten, wieder herauszukommen, war ziemlich schwer. Dass sich die Schierbaschtler im großen Gedränge in der Schergass überhaupt wiedergefunden haben, war nur ihrer bunten Montur mit dem gelbem Schutzhelm zu verdanken.

Am Rosenmontag steht ein kleiner Ausflug ins benachbarte Nordrach auf dem Programm. Unser Sohn Adrian geht mit uns. Dort werden wir zum Mittagessen erwartet. Wir machen einen "Heimatbesuch", weil meine Frau aus Nordrach stammt. Dort stehen wir am Straßenrand, wenn die Glashansele durch den Ort ziehen. Unsere Tochter Anna Lena hat aber Dienst bei der Kinderfasent in der Geroldseckerhalle. Das Thema Piraten ist angesagt, und jeder Helfer ist beim närrischen Kinderball der Schergässler willkommen. Und am Abend sind wir dann wieder pünktlich in der Schergass. "Fasent wie daheim" ist das Motto im Zunftlokal Nörgler. Da dürfen wir natürlich nicht fehlen. Bloß, was ziehen wir an? Da hilft wieder einmal ein tiefer Griff in die Klamottenkiste. Ziemlich weit unten ziehen wir eine Kluft hervor, die wir als Schierebaschtler vor 15 Jahren getragen haben. Es ist der "Nasebibbler", eine komische Figur, die zeigt, wie einer ständig in der Nase bibbelt. Ich bin gespannt, wie der Abend im Nörgler wird. Fasent wie daheim? Für mich schwer vorstellbar, denn ich bin an Fasent ständig auf der Gass."

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